Die Geschichte des Frauenfußballs - Munitionettes und Football Féminin 1914 bis 1919

Der Erste Weltkrieg (die „Urkatastrophe des 20. Jh.“, um einen Buchtitel zu zitieren) hatte neben der sehr männlichen Form der Konfliktbewältigung (Hundertausende Tote für ein paar Quadratmeter Land) auch einen ungeahnten und wohl auch ungewollten Nebeneffekt für die Emanzipation der Frau: Da zunehmend die Männer fehlten, um in der Heimat die notwendigen Arbeiten durchzuführen, wurde hier nun auf die Frauen zurückgegriffen. Dabei gab es auch Einsätze lancashire unitedin Bereichen, die nach damaligem Verständnis sogar nichts mit dem Frauenbild gemein hatten, welches Mann sich zu machen pflegte. Hierbei sei gerade auf die Rüstungsindustrie verwiesen. In England wurden diese weiblichen Rüstungsarbeiterinnen "Munitionettes" genannt, und sie sollten für den Boom des Frauenfußballs eine herausragende Rolle spielen.

Bis 1915 fand in England noch organisierter Männerfußball statt, doch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der in eine unabsehbare Zukunft verlängerte Krieg brachten die FA dazu, die Meisterschafts- und Pokalspiele einzustellen. Ab diesem Zeitpunkt spielten zunehmend Spiele von Frauenteams eine Rolle. Anfangs nur als Belustigung gedacht, formierten sich in weiterer Folge aus den diversen Betrieben heraus Gruppen fußballbegeisterter Frauen, welche, wohl im Gegensatz zur Sichtweise der Männer, ihre Aktivitäten durchaus ernst nahmen. (Brennan 2007)

 

Saison 1916-1917

armstrong elswickSeit Ende 1916 gab es zunehmend Berichte, dass sich zwischen den überall entstehenden Teams der „Munitionettes“ ein regelrechter Freundschaftsspielbetrieb auftat. So gab es im Nordosten, eines der Zentren des Frauenfußballs in England, zu jener Zeit bereits einige Begegnungen, manchmal zu Schauzwecken gegen männliche Teams, wobei hierbei der humoristische Aspekt im Vordergrund stand, aber auch zahlreiche Spiele weiblicher Teams untereinander. Mit den Brown’s Munition Girls und West Wallsend gab es auch schon zwei herausragende Frauschaften, welche die Begegnungen gegen ihre Geschlechtsgenossinnen teils deutlich gewannen.

workington ladiesZu diesen Spielen kamen bereits einige tausend Zuseher, welche wohl aus Gründen der Belustigung und der Sensation, aber auch aus Interesse kamen, da der übrige Fußballbetrieb in England nur noch regional stattfand. Oftmals hatten die Teams nur wenig Gelegenheit zur Übung. Die Auswahl von Palmer’s North aus Jarrow trat zu ihrer Premiere am 12.5.1917 gegen Armstrong Naval Yard Female Munition Workers nach nur drei Trainingseinheiten an (und verlor vor 2000 Zuschauern mit 0:2). Eine Schwierigkeit war, dass oftmals die Teams ähnliche Namen trugen und deswegen anhand der Zeitungsberichte nicht immer klar gesagt werden konnte, um welche Mannschaft es sich genau handelte. Auch in Cumbria wurde damals (seit Anfang 1917) Frauenfussball gespielt, und gerade Workington und die Whitehaven Ladies taten sich hierbei als wahre Pioniere hervor. (Brennan 2007, 2009)

ladies menSchließlich scheint es auch in anderen Landesteilen erste Aktivitäten gegeben zu haben. So gibt es Berichte über Aktivitäten im Großraum London oder in Mittelengland. Aber auch in Irland und Schottland gab es offenbar Frauenfußball. (Williams 2003, 2007)

 

Saison 1917-1918

birtley fcJetzt gab es die ersten internationalen Vergleiche auf Auswahlebene, wie auch innerhalb von England mehrere Regionen oder Städte Auswahlteams stellten, was eine gewisse Professionalisierung nahelegte. Der Frauenfußball war hiermit seinen Kinderschuhen entwachsen und nahm eine rasante Entwicklung – leider zunächst ohne glückliches Ende.
Der Munitionettes Cup ging zunächst über zwei regionale Ausscheidungsrunden im Nordosten hin zu einem gemeinsamen Viertelfinale. Am 9.3.1918 kam es dann zur Vorschlussrunde. Dabei gab es folgende Paarungen:

  • Blyth Spartans – Armstrong-Whitworth’s 60 Shop 2:1(1:1)
    vor 10.000 Zuschauern im Newcastle St. Jame’s Park
    Tore: 1:0(30.) Amie Allen, 1:1 Ethel Wallace, 2:1(85.) Bella Reay
  • Bolckow Vaughan – Rise Carr 0:0
    Wiederholung (16.3.1918)
  • Bolckow Vaughan – Rise Carr (South Bank) 1:0
    Tor: 1:0 Winnie McKenna

Das Finale fand am 30.3.1918 im St. James Park Newcastle statt. Vor 15000 Zusehern gab es ein spannendes Spiel mit einer überragenden Bella Reay, doch konnte kein Team ein Tor erzielen. Bolckow Vaughan scheiterte sogar in der 1. Halbzeit mit einem Handelfmeter.

blyth spartansEs wurde also eine Wiederholung fällig. Vor 22.000 Zuschauern kam es am 18.5.1918 im Ayresome Park in Middlesbrough zum Showdown der zwei wohl besten Teams Nordenglands zu dieser Zeit. Blyth hatte sich mit der jungen Mary Lyons aus Jarrow verstärkt, die zu einer der herausragenden Spielerinnen der ersten Jahre werden sollte. Und das Spiel hielt, was es versprach: In einem von beiden Seiten offensiv geführten Match traf Jennie Morgan bereits nach zehn Minuten zum 1:0 für Blyth. Angetrieben von der großartigen Winnie McKenna setzten die Frauen von Bolckow Vaughan alles daran, den Ausgelich zu erzielen; bis zur Halbzeit jedoch erfolglos. In der zweiten Halbzeit zerlegte das unglaublich starke Sturmduo Reay / Lyons die gegnerische Hintermannschaft, und nachdem Bella Reay zunächst einen Hattrick erzielte, krönte die 15-jährige Mary Lyons ihr von den Zuschauern umjubeltes Spiel mit dem 5:0, indem sie zunächst vier Gegnerinnen umdribbelte und anschließend auch den Torwart bezwang. Blyth Spartans gewannen somit den ersten Munitionettes Cup.

possiblesDie herausragende Spielerin der Saison war Bella Reay, welche in nahezu jedem Spiel traf, oft auch mehrmals und alle anderen Fußballerinnen jener Zeit an Können übertroffen haben dürfte. Mit Blyth Spartans gewann auch das damals stärkste Team des Nordens.
Ein weiteres geschichtsträchtiges Ereignis waren die ersten echten Auswahlspiele (sieht man einmal von den schwer zu klassifizieren Spiele 1881 ab) im Frauenfußball.

propablesLange wurde behauptet, das Spiel im April 1920 zwischen Dick Kerrs Ladies und Frankreich wäre das erste internationale Spiel mit Auswahlcharakter gewesen. Doch dem war nicht so. Am 15.12.1917 trafen in Wallsend zwei Teams aufeinander („Probables“ und „Possibles“), um die elf besten Spielerinnen zu ermitteln, welche am 26.12., den sogenannten „Boxing Day“, gegen eine Auswahl irischer Munitionsarbeiterinnen antreten sollte. Das Spiel endete 1:1 (0:1 durch Bella Turnbull von West Wallsend Slipway, der Ausgleich für die „Propables“ erfolgte durch Violet Bryant, ebenfalls West Wallsend Slipway).
Somit standen sich am 26.12.1917 im Grosvenor Park in Belfast vor 20000 Zuschauern die Teams von Irland und England in folgender Aufstellung gegenüber:

England: Maggie Scott (Jarrow), Hilda Weygood (North-Eastern), Maggie Short (Slipway), Bella Willis, Bella Carrott (capt.) (North-Eastern), Bella Turnbull (Slipway), Mary Dorrian (West Hartlepool), Nellie Kirk (West Hartlepool), Sarah Cornforth (Birtley), Ethel Jackson (North-Eastern), Lizzie McConnell (Slipway); reserves: Violet Bryant (Slipway), Ettie Catterick (North-Eatsern)
Ireland: Lennox (Belfast Whites), Osborne (Lurgan Blues), E. Walker (Belfast Whites), Riddell (Belfast Whites), G. Morrow (Belfast Whites, capt.), McCune (Belfast Whites), Cox (Belfast Whites), Montgomery (Belfast Whites), Hall (Lurgan Blues), Burrowes (Belfast Whites), Murphy (Lurgan Blues).

Das Programm vor dem Spiel war dicht und abwechslungsreich, der Manager, David Brooks auf der Hinfahrt so betrunken, dass er sich in die Toilette einsperrte (bei der Rückfahrt, die von großer Furcht vor drohenden deutschen U-Boot Angriffen geprägt war, immerhin war der Erste Weltkrieg noch voll im Gange, fand er wieder einen Grund, sich zu betrinken), das Spiel selbst ein voller Erfolg. Alleine schon der gewaltige Zuschaueraufmarsch wie auch das äußerst erfolgreiche Spiel der Engländerinnen trotz starker Gegenwehr dürften insgesamt für eine gute Stimmung gesorgt haben. Die Tore im Einzelnen:
0:1(10.) Mary Dorrian, 1:1 Hall, 1:2(ca. 43.) Ethel Jackson, 1:3(ca. 50.) Sarah Cornforth – 11m, 1:4 Nellie Kirk.

Der zweite internationale Vergleich sah am 20.7.1918 im St. James Park in Newcastle das Spiel (Nord-)England gegen (West-) Schottland:

England: Jennie Hodge (Middlesbrough), Hilda Weygood (Wallsend N.E.M.), Nellie Fairless (Blyth Spartans), Bella Willis (60 Shop A.W. & Co. and Prudhoe), Sarah Cornforth (Birtley and Pelton), Minnie Seed (Armstrong's Naval Yard, late Gosforth Aviation and Sunderland), Mary Dorrian (Brown's, West Hartlepool), Winnie McKenna (Bolckow's, South Bank, capt.), Bella Reay (Blyth Spartans), Mary Lyons (Palmer's Jarrow), Lizzie McConnell (Wallsend Slipway)
Scotland's team was also made up of Munitions workers, the line-up being as follows:
Scotland: Jean Brown (Cardonald, Govan), Dolly Cookson (Inchinnan, Paisley, late capt. Vickers FC Barrow), Rosina Clark (Clydesdale), Jean Wilson (Cardonald, Glasgow), Agnes Connell (Mossend, Carfin), Bella Renwick (Mossend, Motherwell), Robina Murdock (Mossend, Motherwell), Nellie McKenzie (Cardonald, Glasgow), Lizzie McWilliams (Clydesdale)

west of.scotlandSchottland spielte einen sehr harten Fußball, und eine der Spielerinnen wurde auch vom Referee verwarnt. England war aber das technisch bessere Team und hatte in Mary Lyons seine Starspielerin, die mit ihren 14 Jahren nicht nur die jüngste englische Auswahlspielerin aller Zeiten war, sondern gleichzeitig auch die jüngste Torschützin in einem Länderspiel.
Tore:
0:1 Agnes McConnell, 1:1 Winnie McKenna, 2:1 Sarah Cornforth – 11m, 3:1 Mary Lyons (alle Tore erste Halbzeit), 3:2 Maggie Devin – 11m
Bella Willis verschoß in der zweiten Halbzeit einen Elfmeter.

Das dritte Ereignis von großer Bedeutung war die Gründung der Dick Kerrs Ladies. Das Debut am 25.12.1917 gegen Coulthards in Preston (Deepdale) vor 10000 Zuschauern wurde mit 4:0 gewonnen und war ein Fingerzeig in die Zukunft. Die Dick Kerrs Ladies spielten ausschließlich zu Wohltätigkeitszwecken, dies aber auf einem nahezu unglaublichen Niveau. Alfred Frankland, der Mann hinter dem Erfolg, verstand es nicht nur, eine schlagkräftige Truppe mit immer neuen, großartigen Talenten zu formen, sondern auch die Firma Dick Kerrs völlig von seinen Ideen zu überzeugen und ständig neue Großereignisse auf die Beine zu stellen. In den vier weiteren Spielen der Saison gelangen ihnen zwei Siege und zwei Unentschieden.

west wallsendAuf dem Kontinent bildete sich in Frankreich ebenfalls ein Spielbetrieb im Frauenfußball heraus. Femina Paris, ein seit 1911 aktiver Frauensportverein, bildete diverse Teams für Mannschaftssportarten, darunter auch Fußball. Die ersten Spiele waren Vergleiche zwischen den einzelnen Teams des Femina Clubs, aber auch Spiele gegen Schulteams (aus männlichen Gegenspielern) gab es bereits. Höhepunkt hierbei war am 21.4.1918 das Spiel zwischen Femina A und B als Vorspiel zum Länderspiel Frankreich gegen Belgien. Die Geschicke des Frauensports lagen seit dem Januar 1918 bei der La Fédération des Sociétés Féminines et Sportives de France" (FSFSF)

 

Saison 1918-1919

Die folgende Saison sah zunächst die Fortsetzung und, mit Beendigung des Ersten Weltkrieges, Beendigung des „Munitionettes“ Spielbetriebs. Im „Munitionettes“–Cup traten ca. 18 Teams an. Eine genaue Zahl kann nicht ermittelt werden, da die Berichterstattung deutlich nachließ. In den Semifinals kam es zu folgenden Partien:

1.3.1919
Palmers – Foster, Blackett & Wilson’s 3:2
Tore: 0:1 Maggie Scott, 1:1 Beattie Taylor – 11m, 2:1 Minnie Seed, 3:1 Minnie Seed, 3:2 Wilson
5.3.1919?
Brown’s Girls – Dorman Long 6:2

Am 22.3.1919 kam es dann zum großen Finale. Palmers mit ihren drei Trümpfen Bella Reay, Mary Lyons und Minnie Seed. Das Spiel fand auf schneebedecktem Boden statt, und daher wurden ettliche Chancen von Mary Lyons und Beattie Taylor vergeben. Allerdings zeigte Florrie Holmes im Tor der Browns Girls eine großartige Leistung. Kurz nach Wiederbeginn in der zweiten Hälfte passierte es dann.

brownsEine Hereingabe von Mary Lyons verwertete Bella Reay zum 1:0, womit vor 10000 Zuschauern im St. James Park diese beiden Damen zum zweiten Mal den Munitionettes-Cup gewannen und damit Palmers den Sieg gegen Brown’s Girls bescherten.

Am 21.9.1918 kam es zum Rückspiel zwischen England und Irland. Wegen der Grippeepidemie kamen nur 2000 in den St. James Park in Newcastle. Die Teams traten in folgenden Aufstellung an:

mary lyonsEngland: Scott (Jarrow), Weygood (Wallsend), Jackson (Wallsend), Willis (Prudhoe, capt.), Cornforth (West Pelton), Carrot (Gateshead), Dorrian (Hartlepool), Kirk (Hartlepool), McKenna (South Bank), Seed (Sunderland), McConnell (Rose Hill), Mary Lyons (Jarrow)

Ireland: Fisher (Belfast), Walker (Belfast), Moffat (Belfast), Ridell (Belfast, capt.), Forsyth (Ewart's, Antrim), McEwan (Belfast), Martin (Enniskillen), McLatchie (Portadown), Hall (Lurgan), Knox (Ewarts), Dolan (Belfast).

England spielte großartig und setzte Irland von Beginn an unter Druck. So fielen die Tore in regelmäßigen Abständen. Jedoch gelang es Irland, sich vom Anfangsdruck zu erholen und das Spiel zumindest ein wenig ausgeglichener zu gestalten. Mary Lyons, die eigentlich nur als Ersatz auflief, da zwei Spielerinnen nicht kommen konnten, war wie so oft in den letzten Spielen beste Akteurin auf dem Platz.
Tore: 1:0 Mary Lyons, 2:0 Winnie McKenna, 2:1 Ruby Hall, 3:1 Nellie Kirk, 4:1 Mary Lyons, 5:1 Winnie McKenna, 5:2 Ruby Hall

dainty dinahsNur noch wenige Spiele fanden bis zum Ende der Saison statt, überwiegend die sehr beliebten Auswahlspiele von Regional- oder Stadtauswahlen. Am 31.5.1919 traten die Auswahlen der „Munitionettes“ von Newcastle und Sunderland zum letzten dokumentierten Spiel der Munitionettes an, wobei vor 9000 Zuschauern Newcastle durch drei Tore von Beattie Taylor und eines von Mary Lyons (beide Palmers) mit 4:0 gewann.

carlisle munitionAuch im übrigen Großbritannien war mit dieser Saison die erste Phase des organisierten Frauenfußballs, welcher von den “Munitionettes” getragen wurde, beendet. (Brennan 2007-2010)
Dick Kerrs trug nur wenige dokumentierte Spiele in dieser Saison aus, darunter aber am 22.4.1919 eines vor fast 30000 Zuschauern im St. James Park in Newcastle gegen die Auswahl von Newcastle (0:0). (Newsham 1991, Brennan

swansea nationalIn Frankreich schließlich wurde in dieser Saison die erste Landesmeisterschaft ausgetragen. Nur zwei Clubs nahmen daran teil. Am 23.3. gewann Femina Sports Paris gegen En Avant Paris in Gentilly mit 2:0. Das Rückspiel am 13.3. sah keinen Sieger beim 0:0 auf dem Platz von Red Star. Femina Sports Paris war damit französischer Meister und erster Landesmeister im Frauenfußball überhaupt. (Preudhomme 2003, Brennan 2010) Unklar ist, inwieweit ein Turnier 1912 in Moskau tatsächlich eine Landesmeisterschaft im Frauenfußball darstellte. (rsssf.com)

 

© Helge Faller & Patrick Brennan 2010