Die Geschichte des Frauenfußballs von den Anfängen bis 1914

Bereits seit den 1620er Jahren gibt es aus England und Schottland Berichte, dass Frauen am sogenannten "public football" teilnahmen, einer heute noch praktizierten wüsten Rauferei, ähnelnd einer Vorform des modernen Fußballs, bei dem ein Ball unter Zuhilfenahme aller möglichen Mittel zu einem bestimmten Punkt im gegnerischen Dorf getrieben werden musste. Oft gab es dabei Verletze; nicht selten auch Tote. (Macbeth in Magee et al. 2007)

Als dann 1863 die FA (Football Association) aus der Taufe gehoben wurde, war Fußball noch der Sport der männlichen Eliten, die den verschiedenen Formen nun 17 feste Regeln gaben und damit vereinheitlichten. Daran, dass auch einmal Frauen diese Sportart ausüben würden, dachte trotz der weiblichen Teilnehmerschaft am "public football" niemand.

Als dann mit dem FA-Cup 1871 der erste Wettbewerb geschaffen wurde, ergab es sich praktisch von selbst, dass Frauen auf den Geschmack kamen und selbst das Spiel, welches sie als Zuschauerinnen verfolgten, praktizieren wollten. So kam es am 7. Mai 1881 in Edinburgh zu einem denkwürdigen Ereignis, im "Glasgow Herald" war von einem inoffiziellen Ländervergleich zwischen Schottland und England zu lesen, nichts Ungewöhnliches zunächst, da bereits seit dem 30. November 1872 zwischen beiden Nationen regelmäßig Länderspiele stattfanden. Doch dieses Ereignis stellte für die ca. 1000 Zuschauer dennoch ein Novum dar - bei den Teams handelte es sich ausschließlich um Frauen. (Brennan 2009)

Zwar hatte das Spiel den Berichten zu Folge noch recht wenig mit "regulärem" Fußball zu tun, wie auch die Unparteiischen eine sehr abenteuerliche Regelauslegung an den Tag zu legen schienen, doch war mit diesem Spiel ein Grundstein gelegt, der in der Folgezeit Anlass zu viel Streitereien und Beispielen für das gewachsene Selbstbewusstsein der Frauen geben sollte. Es war die Zeit der beginnenden Suffragetten-Bewegung (Bewegung zur Erlangung des Wahlrechts für Frauen), die sich um radikale Vorkämpferinnen wie Emilie Prankhurst scharten und ihren gleichberechtigten, emanzipierten Platz in der britischen Gesellschaft forderten. Der Bericht dieses sporthistorischen Ereignisses im Original:

LADIES' INTERNATIONAL MATCH - SCOTLAND V ENGLAND

A rather novel football match took place at Easter Road, Edinburgh on Saturday between teams of lady players representing England and Scotland - the former hailing from London and the latter, it is said, from Glasgow. A considerable amount of curiosity was evinced in the event, and upwards of a thousand persons witnessed it. The young ladies' ages appeared to range from eighteen to four-and-twenty, and they were very smartly dressed. The Scotch team wore blue jerseys, white knickerbockers, red stockings, a red belt, high heeled boots and blue and white cowl; while their English sisters were dressed in blue and white jerseys, blue stockings and belt, high-heeled boots, and red and white cowl. The game, judged from a player's point of view, was a failure, but some of the individual members of the teams showed that they had a fair idea of the game. During the first half the Scotch team, playing against the wind, scored a goal, and in the second half they added other two, making a total of three goals against their opponents' nothing. Misses St Clair and Cole scored the first two, and the third was due to Misses Stevenson and Wright. Teams:- Scotland - Misses Ethel Hay (goal), Bella Osborne and Georgina Wright (backs), Rose Rayman and Isa Stevenson (half-backs), Emma Wright, Louise Cole, Lily St Clair, Maud Riweford, Carrie Balliol and Minnie Brymner (forwards). England - Misses May Goodwin (goal), Mabel and Maud Hopewell (backs), Maud Starling and Ada Everston (half-backs), Geraldine Vintner, Mabel Vance, Eva Davenport, Minnie Hopewell, Kate Mellon, and Nelly Sherwood (forwards)

Bereits das folgende Spiel endete nach 55 Minuten in einem offenen Aufruhr der 400 zumeist männlichen Zuschauer, die von dem sich bietenden Spektakel gar nicht angetan waren und den Platz stürmten. Die Zeit war noch nicht reif für Frauenfußball, so schien es. Doch schon wenige Tage später standen die Frauen wieder auf dem Feld, jetzt vor gar 4000 Zusehern, welche diesmal friedlich blieben. Noch vier weitere Spiele wurden ausgetragen, von denen eines erneut wegen Zuschauerausschreitungen abgebrochen wurde. Dann wurde es acht Jahre still um den Frauenfußball – es war offensichtlich, um eine Pathé Wochenschau aus den 1920ern zu zitieren, noch nicht Zeit „for the girls to play Adam’s game“. (Brennan 2009)

1888 wurde mit der Football League in England die erste Landesmeisterschaft für Herren gestartet. Offenbar Grund genug für einige Frauen, in Sunderland einen Spielbetrieb aufzunehmen. Seit Anfang Januar 1889 war in den Zeitungen der Stadt von Teams wie den Southwick Lilies, den Daisys oder den Angels zu lesen. Auch von einem Spiel der Greener‘s Violets gegen die Greener’s Cutters war zu hören. Die Spielerinnen der Teams kamen aus der Arbeiterklasse. Am erstaunlichsten war die Tatsache, dass in einem Artikel sogar die Ankunft eines kanadischen Frauenteams verkündet wurde, welches jedoch nie ankam. Wieder wurde es still um den Frauenfußball. (Brennan 2009)

Der Blick geht nun nach Schottland. 1892 wurde auf den Shawfield Grounds in Glasgow das erste Spiel nach den Regeln der SFA ausgetragen, jedoch waren die Reaktionen darauf alles andere als ermutigend. Nicht nur, dass die Zeitung „Scottish Sport" empört darüber war, dass die jungen Damen nur eine „feeble immitation of our (der Männer! H.F.) glorious winter sport“ ablieferten und das das Ereignis „the most degrading spectacle we have ever witnessed in connection with football” war, nein, auch die im Europa dieser Zeit verbreiteten pseudomedizinischen Ausführungen zur Andersartigkeit (i.e. Schwäche) des weiblichen Körpers fanden sich in diesem Artikel wieder, in dem konstatiert wurde „how utterly unfitted the female anatomy is for the game“. (McCuaig 2000b, Macbeth in Magee et al. 2007)

nettie honeyballKaum zu glauben, dass nur kurze Zeit später für knapp zwei Saisonen der Frauenfußball in einem weitaus positiveren Licht von sich reden machte, dank der tatkräftigen Initiative zweier Frauen: Nettie Honeyball und Mrs. Graham.  Bislang konnte über die Identität von Nettie Honeyball konnte bislang wenig Befriedigendes herausgefunden werden, wohingegen bekannt ist, dass es sich bei der ominösen Miss Graham um Helen Graham Metthews handelt. Es war eine Mode der Zeit, dass viele (auch männliche) Fußballer/-innen unter einem Pseudonym auftraten, wenn sie glaubten, durch den Fußballsport gesellschaftliche und berufliche Nachteile erleiden zu müssen. (Brennan 2009)team north

Jedenfalls war die Gründung eines Fußballclubs (den English Ladies FC) Ende 1894 für Nettie Honeyball eine eminent politische Angelegenheit, ein weiterer Schritt hin zur Emanzipation und weg von der männlichen Dominanz. Gerade Fußball bot sich hierfür an, da hier, im Gegensatz zu Hockey oder Basketball, nahezu von Beginn an problemlos parallel von männlichen und weiblichen Teams in organisierter Form gespielt wurde (z.B. Gründung des englischen Hockeyverbandes für Frauen 1895 und die die sofortige Etablierung von Damenteams an amerikanischen Universitäten nach der Erfindung des Basketballs). Eine wirkliche Männerdomäne wurde in Angriff genommen, welche zudem noch die populärste Sportart im Königreich war – und als eine der urtypisch männlichen Sportarten angesehen wurde. (Brennan 2009)

Unter der Anleitung von J. W. Julian, einem Stürmer von Tottenham Hostpur, wurde zweimal wöchentlich in Hornsey bzw. Crouch End trainiert; am 23. März 1895 kam es zum ersten öffentlichen Spiel. Namentlich die Zeitschrift "The Sketch" hat durch ihre Berichte bereits im Vorfeld für viel Interesse gesorgt, und als um 16.45h die Damen in folgender Aufstellung
North: Mrs Graham, Misses Nettie J. Honeyball, L. Lynn, P. Smith, E. Edwards, D. Allen, Ruth Coupland, Williams, R. Thiere, B. Fenn, N. Gilbert.
South: Misses L. Clarence, Annie Hicks, Ellis, Obree, Clarke, E. Roberts, Lewis, Alice Hicks, A. F. Lewis, E. Potter, Ellis.

das Feld betraten taten sie dies unter den Augen von knapp 10.000 Zusehern, welche ein Spiel zu sehen bekamen, das selbstverständlich nicht verhehlen konnte, dass die Protagonistinnen gerade einmal ein halbes Jahr spielerische Erfahrung vorzuweisen hatten, welche jedoch die Zuschauer so gut unterhielten, dass ihnen am Ende sehr viel Sympathie entgegen gebracht wurde. Beide Teams waren vom English Ladies FC, Nettie Honeyball ließ sie unter den Namen „North“ und „South“ auflaufen, was später zu der irrtümlichen Annahme führte, dass es ein Repräsentativspiel zwischen Nord- und Südengland gewesen sei. Der Norden, der in dunkelroten Jerseys mit weißem Kragen antrat, gewann gegen den Süden, der in blau-weißen Jerseys spielte, mit 7:1. Besonders auffällig scheinen die Fußballkünste eines knapp zwölfjährigen Mädchens gewesen zu sein, welches durch sein burschikoses Äußeres für einen Jungen gehalten wurde und den Spitznamen „Tommy“ erhielt. Heute scheint es als gesichert zu gelten, das „Tommy“ die Tochter der Spielerin Miss Richardson war. (Brennan 2009)

loakes parkNachdem der Anfang gemacht war, beschlossen die Damen, eine Tour durch England zu machen, die sie durch das ganze Land führte. Die Einnahmen der Spiele kamen wohltätigen Zwecken zugute, und das Interesse an dieser neuen Art des Fußballs sorgte immer wieder für beeindruckende Zuschauerzahlen, vor allem in den ländlichen Regionen. Auch verbesserten sich die spielerischen Möglichkeiten der Fußballerinnen zusehends. Organisatorische Probleme wie eine geringe Spielerinnenzahl wurden durch Improvisation gelöst, indem beispielsweise zwei Herren das Tor hüten durften. (Brennan 2009)

Die schwierigsten Spiele fanden in Schottland statt, da dort die negativsten Reaktionen von Seiten der Zuschauer kamen. Hingegen waren die Spiele in England, Irland und Wales meistens volle Erfolge. Darüber hinaus gab es bald weibliche Teams, die ihnen nacheiferten, so dass die Zeitungen bei der Ankündigung eines Spiels darauf verwiesen, dass es sich um die originalen Fußballerinnen des English Ladies FC handelte. (Brennan 2009, Macbeth in Maggee at al. 2007)

rosy rapidAm 23. Mai 1896 fand in Dublin das letzte Spiel des English Ladies FC statt (gegen die Dublin Gentlemans), welches mit 7:2 gewonnen wurde. Knapp 50 Spiele wurden in diesen eineinhalb Jahren ausgetragen, wobei das Interesse der Zuschauer am Ende nachzulassen begann. Miss Graham spielte noch bis in den September mit ihrer eigenen Elf, überwiegend gegen männliche Teams in Schottland unter nicht immer erfreulichen Begleitumständen. Mit dem 2:2 am 19. September 1896 gegen den Wellington FC war allerdings auch für diese Selektion das Ende besiegelt. Zwar scheint es auch weiterhin Spiele von weiblichen Teams gegeben zu haben, doch 1902 griff der Verband zum ersten Mal negativ in den Frauenfußball ein und warnte seine Mitgliedsvereine davor, gegen weibliche Mannschaften anzutreten. Fußball konnte in der Folgezeit bis zum Ersten Weltkrieg nur sporadisch von Frauen praktiziert werden. Dass es solche Aktivitäten gab, belegen die „Rosy Rapids“, die 1909 auf einem Teamfoto verewigt wurden. (Brennan 2009)

Ansonsten gibt es Berichte, dass sich bereits 1894 in Brighton und 1895 in Nottingham Schulteams bildeten, die jedoch auf die üblichen durch Vorurteile geprägten Schwierigkeiten stießen. (Williamson 1991)

sparta rotterdam

 

Außerhalb von Großbritannien gab es 1896 bei Sparta Rotterdam eine Frauenabteilung. Die Kunde darüber drang bis nach England, denn der English Ladies FC fragte bei den Spartanerinnen an, ob es wohl möglich sei, ein Spiel auszutragen. Leider kam es nicht dazu, und diese frühe Episode des Frauenfußballs auf dem Kontinent war auch bald wieder Geschichte. (KNVB 2007)

 

© Helge Faller & Patrick Brennan 2010